QS-Handbuch im V-Modell XT – ein Workshop / Teil 7

Das nächste Kapitel unseres QS-Handbuchs laut V-Modell XT ist das Thema „Qualitätsziele und -anforderungen“.  Dieser Artikel beschreibt, was hierunter zu verstehen ist und worauf bei der Formulierung von guten Qualitätszielen geachtet werden sollte und Qualitätsziele in der Praxis überprüft werden.

 

 

Was sind Qualitätsziele?

Von der Unternehmensleitung festgelegte Ziele des Qualitätsmanagements.

Quelle: http://www.quality.de/lexikon/qualitaetsziele.htm

Qualitätsziele sind alle durch Kapitalgeber, Arbeitnehmer, Marktpartner (Kunden, Lieferanten) und die Gesellschaft abgeleiteten Forderungen, Interessen, die in die Qualitätspolitik fließen und dort durch konkrete Ziele definiert werden.

Quelle: http://www.industrie-lexikon.de/cms/../id,306/

Was sagt dazu das V-Modell XT?

In einem QS-Handbuch nach V-Modell XT werden die Qualitätsziele im Kapitel „Qualitätsziele und –anforderungen“ niedergeschrieben.

In diesem Thema werden die Anforderungen an die Qualitätssicherung und die damit verfolgten Ziele definiert, zum Beispiel eine geforderte Prüfüberdeckung oder formale Spezifikationstechniken. Die Qualitätsziele und -anforderungen an den Entwicklungsgegenstand selbst werden hier nicht festgelegt, sie werden bereits mit den Anforderungen (Lastenheft) fixiert. Steht ein organisationsspezifisches Qualitätsmanagementhandbuch zur Verfügung, so sind die dort festgelegten Ziele und Anforderungen projektspezifisch auszugestalten.

Quelle:  http://v-modell.iabg.de

Welche Qualitätsziele gehören nicht in das QS-Handbuch?

Damit ist klar: Qualitätseigenschaften des zu entwickelnden Systems wie beispielsweise Benutzbarkeit, Zuverlässigkeit, Performanz und Wartbarkeit (siehe Teil 3, Teil 4 und Teil 5) gehören nicht in das QS-Handbuch, sondern sind im Lasten– und im Pflichtenheft in den jeweils dazugehörigen nicht-funktionalen Anwenderforderungen beschrieben.

Woraus resultieren Qualitätsziele?

Qualitätsziele resultieren aus:

Was ist bei der Definition von Qualitätszielen zu beachten?

Um eine belastbare Aussage über den Zielerreichungsgrad und etwaigen Verbesserungsbedarf zu einem bestimmten Zeitpunkt im Projektverlauf zu treffen sollten Qualitätsziele folgenden Kriterien entsprechend der SMART-Analyse genügen:

  • S: spezifisch: deutlich beschrieben und definiert
  • M: messbar (qualitativ, quantitativ): Prüfbarkeit der Erreichung
  • A: angemessen (Verhältnismäßigkeit), Ausführbar: mit gegenwärtigen Ressourcen erreichbar (Herausforderung) (Verantwortungsbereich – Grad der juristischen Verbindlichkeit)
  • R: realistisch: mit momentanen Wissen und ohne großartigen Risiken erreichbar
  • T: terminiert: innerhalb des vorgesehenen Zeitrahmens
  • Weiterhin sollten Ziele in
    • Prosa,
    • Präsens und
    • Positiv

formuliert werden.

Spezifisch

Ziele müssen eindeutig definiert sein (nicht vage, sondern so präzise wie möglich). Hierbei kommt es also auf genaue Ausdrucksweise an. Es sollte auch bei jedem Qualitätsziel beschrieben werden, was der Hintergrund dafür ist, warum dieses Ziel festgelegt worden ist und was besonders beachtet werden muss.

Messbar

Gute Messbarkeit bedeutet nicht, dass Werte zur Zielerreichung einfach zu ermitteln sind, sondern dass lediglich das Ergebnis messbar ist.

Angemessen

Bei der Auswahl der Ziele sollte auch berücksichtigt werden, welchen Aufwand es bedeutet, ein Ziel zu messen (ggf. Anschaffung neuer Software oder zusätzliche Datenerfassung etc.). Schließlich wollen wir ja nicht durch das Erreichen messbarer Ziele ein finanzielles Desaster erleben.

Realistisch

Nichts ist demotivierender, wenn man sich die Messlatte am Anfang zu hoch legt. Im Laufe des Projektes können dann weitere Ziele aufgenommen werden, die den gesteigerten Anforderungen im Projekt genügen. Gerade am Anfang eines V-Modell XT Projektes müssen sich die Beteiligten erst an die neuen Prozesse gewöhnen. Die dabei erkannten Schwachstellen können dann als Ziele formuliert werden, womit ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess etabliert wird.

Terminiert

Ziele sind wenig wert, wenn nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt festgestellt werden kann, ob die Ziele auch wirklich erreicht worden sind.

Es ist gut möglich, dass am Anfang nicht alle Ziele zu 100% der S.M.A.R.T.-Regel entsprechen. Dies wird sich aber im Laufe des Projekts bei der Überarbeitung der Qualitätsziele ändern.

Der Zielerreichungsgrad und der Nutzen bestehender Qualitätsziele sollten zudem in regelmäßigen Abständen (z.B. bei jeder Projektfortschrittsentscheidung)  von der Projektleitung überprüft werden. Dies dient der risikominimierenden Projektsteuerung.

Beispiele zu Qualitätszielen für ein QS-Handbuch

  • Kundenorientierung,
  • Lesbarkeit und Verständlichkeit von Projektdokumentation
  • ständige Verbesserung aller Produkte
  • Einbeziehung der beteiligten Personen
  • hohe Anforderungsstabilität
  • weitreichende Testüberdeckung
  • Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit von Produkten zu anderen Produkten
  • Einheitlichkeit bzgl. Form und Gestaltung
  • Aktualität aller Produkte
  • Berücksichtigung der IT-Sicherheitsvorgabe
  • zeitnahe Fehlerbehebung
  • einheitliche Arbeitsweise im Projekt durch Richtlinien und Konventionen etablieren
  • effizienten Change-Management
  • Nachvollziehbarkeit bei Softwareänderungen garantieren
  • Verwendung von Prüfspezifikationen und Prüfprotokollen um regressionsfähige Test zu erreichen

Beispiele für gute und schlechte Qualitätsziele können unter http://www.se-zert.de/Download/Musteraufzeichnungen/ErklaerungHinweise.pdf angesehen werden. Außerdem sind die Beispiel QS-Handbücher empfehlenswert.

Merke:

  • nicht dokumentierte Ziele sind nicht verfolgbar und folglich nicht erreichbar
  • falsch definierte Ziele verursachen  sinnloses Hinarbeiten auf falsches Ziel

Priorisierung von Qualitätszielen

Bei all den vielen festgelegten Qualitätszielen kann es leicht passieren, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Daher ist es sinnvoll die Qualitätsziele entsprechend der Wichtigkeit der Umsetzung zu priorisieren.

Priorität

Bedeutung

Erläuterung

1

hoch Qualitätsziel ist zwingend zu erreichen

2

mittel Qualitätsziel sollte wenn möglich erreicht werden

3

niedrig die Nichterreichung des Qualitätsziels ist hinnehmbar

 

Diese werden dann z.B. in einer Excel-Liste mit folgendem Aufbau verwaltet (mit Formulierungsbeispiel):

Qualitätsziel Indikatoren Priorität aktueller Grad der Umsetzung
hohe Anforderungsstabilität
  • wenige Änderungen im Lastenheft nach Beginn der Realisierung
  • wenige festgestellte Spezifikationslücken im Abnahmestest
  • wenige Incidents aus dem Echtbetrieb die zu Änderungen im Lastenheft führen
  • wenige Versionen des Lastenhefts innerhalb eines Releases
1 90%

Wie werden die Qualitätsziele erreicht?

Konstruktive Qualitätsmaßnahmen

Konstruktive QS-Maßnahmen sind präventiv. Allein durch die Beachtung der  konstruktiven QS-Maßnahmen soll bereits die Produktqualität erhöht werden. Zu den konstruktiven Maßnahmen zählen z.B. defensives Programmieren, typprüfende Sprachen, Standards, Vorgehensmodelle, Checklisten, Richtlinien. Zu den analytischen QS-Maßnahmen gehören alle Prüfmaßnahmen für Dokumente, wie zum Beispiel Reviews, Tests von Systemelementen und Prozessprüfungen.

Analytische Qualitätsmaßnahmen

Analytische Qualitätsmaßnahmen bestimmen dagegen die Qualität nach der Fertigstellung von Produkten (operativ). Mit ihnen werden Fehler und Mängel  lokalisiert und können sodann behoben werden. Beispiele sind Inspektion, Review und  Testen mit Prüfspezifikation.

Beide Arten von Qualitätsmaßnahmen werden im Kapitel „Organisation und Vorgaben zur Qualitätssicherung im Projekt“ des QS-Handbuchs beschrieben.

4 Gedanken zu “QS-Handbuch im V-Modell XT – ein Workshop / Teil 7

  1. Hallo Stefan,

    mit Interesse habe ich Deinen sehr interessanten Artikel gelesen.

    Besonders gut finde ich, dass Du darauf eingegangen bist, dass Qualitätsziele SMART sein müssen. Ich habe schon so einige Fälle erlebt, wo dies nicht der Fall ist, was natürlich dem ganzen Qualitätsmanagement abträglich ist.

    Viele Grüße

    Michael

      • Hallo Stefan.

        Es gibt keine Erklärung, warum das V-Modell XT eine höhere Qualität liefert als andere Modelle wie etwa das Spiral Modell oder Scrum?

        Des weiteren gibt es nur schwammige Aussagen zu den Qualitätskriterien. Hier steht beispielsweise: Es sind geeignete Qualitätskriterien zu definieren. Einige konkrete Beispiele, wie man einzelne Phasen des V-Modells auf Qualität hin überprüft und wie man die Qualität sicherstellt, wäre schon sehr nett.

        Robert

        • Hallo Robert,

          das kann man nicht pauschal sagen. Scrum ist agile Softwareentwicklung und das Spiral Modell hat auch seine Vorzüge (insbes. evolutionäres Prototyping und Benchmarks; Integration von Prototyping und Wasserfallmodell –> siehe auch meinen anderen Artikel).

          Das Zitat „Es sind geeignete Qualitätskriterien zu definieren“ finde ich im Artikel nicht. Wo hast du das her?
          Das Thema Qualitätsmanagement im V-Modell XT ist in der Tat sehr aufwendig und geht z.B. auch mit anderen Standards wie dem ISTQB (Komponententest bis Abnahmetest –> Verifizierung/Validierung) einher. Wie man die Phasen auf Qualität überprüft in kürze: Dokumentenprüfungen, Tests, Projektfortschrittsentscheidungen ernst nehmen.

          Viele Grüße,

          Stefan

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