QS-Handbuch im V-Modell XT – ein Workshop / Teil 4

Der letzte Artikel dieser Serie hat bereits einen Überblick zur externen und internen Qualität gegeben. Dieser Artikel beleuchtet die Qualitätsmerkmale Funktionalität, Benutzbarkeit und Zuverlässigkeit.

 

 

1. Funktionalität

Inwieweit besitzt die Software die geforderten Funktionen? – Vorhandensein von Funktionen mit festgelegten Eigenschaften. Diese Funktionen erfüllen die definierten Anforderungen. Nun schauen wir uns einmal die einzeln Untergliederungspunkt der Funktionalität an.

a) Angemessenheit

Fähigkeit des Systems, für spezifizierte Aufgaben und Benutzerziele geeignete Funktionen bereitzustellen. Das System bietet nicht mehr Funktionen an, als für die spezifizierten Aufgaben und Benutzerziele erforderlich sind. Um dieses Qualitätsmerkmal einzuhalten, darf der Entwickler nicht mehr realisieren, als in den AFos gefordert worden ist. Alles was darüber hinaus geht, muss auch nicht vom Auftraggeber bezahlt werden. Dadurch bleibt das System zweckorientiert und schlank.

b) Genauigkeit

Fähigkeit des Systems, die richtigen oder vereinbarten Ergebnisse oder Wirkungen mit der benötigten Genauigkeit bereitzustellen. Werden z.B. die Zahlen mit der vereinbarten Anzahl an Nachkommastellen ausgegeben? Daher sind insbes. die Datenfeldbeschreibungen im Lastenheft ein wichtiges Maß für die Genauigkeit des Systems.

c) Interoperabilität

Fähigkeit des Systems über vorgegebene externe Schnittstellen mit anderen Systemen zusammenzuarbeiten. Dies wird insbes. in so genannten Conformance Tests festgestellt.

d) Sicherheit

Fähigkeit des Systems die darin enthaltenen und ausgetauschten Informationen und Daten so zu schützen, dass nicht autorisierte Personen oder Systeme diese nicht vorsätzlich oder versehentlich lesen oder manipulieren können. Autorisierte Personen müssen Zugriff auf die Informationen und Daten erhalten. Dabei ist insbes. das VSK (verfahrensspezifisches Sicherheitkonzept) zu beachten. Das Kriterium Sicherheit hat gerade bei Verfahren mit dem Steuergeheimnis unterliegenden Daten eine hohe Bedeutung. Weiterhin sind über das Internet erreichbare Systeme davon stark betroffen (siehe Hackerangriffe von Anonymous).

e) Konformität der Funktionalität

Fähigkeit des Systems Standards, Konventionen oder gesetzliche Bestimmungen und ähnliche Vorschriften bezogen auf die Funktionalität einzuhalten.

2. Benutzbarkeit

Wird das System vom Benutzer verstanden und kann dieser es bedienen? Wie leicht ist es erlernbar? Was ist der Mehrwert für den Benutzer? Um das System hier auf die Benutzer anzupassen, sollte vorher eine Prozessanalyse durchgeführt werden, damit hier die derzeitige Arbeitsweise (ggf. nach durchgeführter Prozessoptimierung) abgebildet werden kann. Zudem ist auch eine Use-Case-Analyse erforderlich, um alle am System beteiligten Rollen mit der jeweiligen Sicht auf das System zu berücksichtigen. Die Benutzbarkeit kann durch Akzeptanztests sichergestellt werden.

a) Verständlichkeit

Kann der Benutzer prüfen, ob das System die an es gestellten Ansprüche erfüllt? Versteht der Benutzer, wie er mit dem System die einzelnen Aufgaben erledigen kann?

b) Erlernbarkeit

Wie schnell lernt ein Benutzer den Umgang mit dem System? Damit eine Anwendung möglichst intuitiv bedienbar ist, sollte hierauf ein Schwerpunkt gesetzt werden.

c) Bedienbarkeit

Wie gut kann der Benutzer das System bedienen und steuern (Ergonomie)? Sind häufig benutzte Funktionen in tiefen Menüs versteckt. Wie viele Klicks werden für einen Prozess im System benötigt?

d) Attraktivität

Sie anziehend ist das Oberflächendesign für den Benutzer. Gerade bei aktuellen Techniktrends von Apple Inc. sieht man, welchen Einfluss das „look and feel“ einer Anwendung hat. Das Design steht dabei in engem Zusammenspiel zur Bedienbarkeit, denn auch die schönsten Bilder und das modernste Aussehen machen allein noch keine gute Anwendung.

e) Konformität der Benutzbarkeit

Hierunter versteht man die Fähigkeit des Systems, die Standards, Konventionen, Stilvorgaben (style guides) oder Vorschriften bzgl. der Benutzbarkeit (inbes. Barrierefreiheit) einzuhalten.

3. Zuverlässigkeit

Kann die Software ein bestimmtes Leistungsniveau unter bestimmten Bedingungen über einen bestimmten Zeitraum aufrechterhalten? – Fähigkeit der Software, ihr Leistungsniveau unter festgelegten Bedingungen über einen festgelegten Zeitraum zu bewahren.

a) Reife

Ist das System in der Lage trotz Fehlern in der Software nicht zu versagen, d.h. funktionieren bei einem Fehler in einer Funktionalität auch alle anderen Funktionalitäten nicht mehr. Dies wird verhindert z.B. durch Fehlerbehandlungen, die technische Fehler verhindern. Insbesondere bei Schnittstellen mit anderen System ist ein Puffer wichtig, in den Nachrichten gelegt werden können, die noch nicht an das andere System verschickt werden können, weil dieses im Moment gewartet wird (kein Domino-Effekt).

b) Fehlertoleranz

Eng mit der Reife verbunden ist die Fehlertoleranz. Reife bezieht sich in Abgrenzung darauf, wie häufig das System versagt. Die Fehlertoleranz meint dagegen mehr das Halten eines spezifizierten Leistungniveaus, innerhalb dem z.B. noch die notwendigsten Funktionalitäten verfügbar sind.

c) Wiederherstellbarkeit

Fähigkeit, bei einem Versagen das Leistungsniveau wiederherzustellen und die direkt betroffenen Daten wiederzugewinnen. Zu berücksichtigen sind die dafür benötigte Zeit und der benötigte Aufwand. Dies wird durch ausfallsichere Systeme (redundante Datenspeicherung an unterschiedlichen Standorten gem. BSI Grundschutzkatalog) unterstützt. Es darf in keinem Fall zu einem Datenverlust kommen, wenn es sich um wichtige Geschäftsdaten handelt (wäre aus IT-Sicherheitssicht eine Katastrophe). Ein Negativbeispielt wäre der Blitzeinschlag bei Amazon in Irland, der bei dessen Cloud-Dienst zu Problemen geführt hat, weil die erstellten Backups korrupt und daher nicht mehr verwendbar waren.

d) Konformität der Zuverlässigkeit

Kann das System die Standards, Konventionen oder Vorschriften bezogen auf dessen Zuverlässigkeit erfüllen?

5 Gedanken zu “QS-Handbuch im V-Modell XT – ein Workshop / Teil 4

  1. Die kleine Workshopreihe gefällt mir wirklich sehr gut. Ich habe die Artikel gerne gelesen und dabei viele interessante neue Informationen erhalten. Danke dafür.

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